15.06.2022: Markus Gerschberger: "Datenschutz ist selbstverständlich ein hohes Gut, in Pandemiezeiten aber nicht prioritär."

In genau zwei Wochen findet der CDG-Zukunftstalk zum Thema "Covid-19 Lessons Learned: Wissenschaft, Wirtschaft, Gesellschaft und Politik in und nach der Pandemie" statt: Auch Markus Gerschberger wird in 14 Tagen an der Diskussion teilnehmen – interviewt haben wir ihn aber bereits jetzt!

CDG-Zukunftstalk zu den Lehren aus der Pandemie – Anmeldung hier!

Was war Ihr prägendstes Erlebnis in der Pandemiesituation?
Hier gab es viele. Ganz privat: Die COVID-Infektion meiner gesamten Familie gleich zu Beginn der Pandemie – verursacht durch mich. Obwohl ich die Vorsichtsmaßnahmen sehr ernst genommen habe.
Als österreichischer Bürger hat mich die verbreitete mangelnde Reflexionsfähigkeit bzw. -willigkeit beeindruckt: Einerseits, dass irrwitzige Verschwörungstheorien – emotional und laut vorgetragen – noch immer ausreichend sind, um von einer erschreckend hohen Zahl an Bürger*innen Zuspruch zu bekommen.
Andererseits: Mittels unzähliger Apps (WhatsApp, Instagram, Facebook,…) teilen wir proaktiv jeden noch so unbedeutenden Schritt der Welt mit. Die Verwendung einer Contact-Tracing App, welche ein Monitoring des Infektionsgeschehen in Echtzeit und damit die Ableitung wirkungsvoller Maßnahmen in Echtzeit ermöglicht hätte, ist aber vollkommen undenkbar.
Ebenso die Beobachtung, wie schnell im Krisenfall der Nationalgedanke den Verstoß gegen international geltende Regeln und Gesetze anscheinend "legitimiert".

Welcher Zeitpunkt der Pandemie ist Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben und warum?
Negativ im Gedächtnis ist mir geblieben, wie vollkommen unkoordiniert und irrational Grenzen in Europa hoch- und wieder runter gefahren wurden.
Besonders positiv möchte ich die unermüdlichen Bestrebungen vieler Unternehmensvertreter herausstreichen, die wirtschaftliche Interessen hintenangestellt haben und einen Beitrag zum Allgemeinwohl leisteten und noch immer leisten.
Die rasche und unkomplizierte interdisziplinäre Zusammenarbeit vieler Wissenschaftler*innen (zB in Future Operations) soll auch unbedingt über die Pandemiezeit hinweg Bestand haben und muss von Ministerien auch langfristig und nachhaltig unterstützt werden.

Gab es im Zuge der Pandemie berufliche Entscheidungssituationen, in denen Sie sich mit heutigem Wissen anders verhalten hätten als Sie es damals taten?
Den Zugang zu existierenden Daten, welche einen wesentlichen Beitrag zu Pandemiebekämpfung leisten hätten können, viel vehementer fordern. Hier muss die gesetzliche Grundlage rasch geschaffen werden.
Datenschutz ist selbstverständlich ein hohes Gut, in Pandemiezeiten aber nicht prioritär. In unserer Forschung arbeiten wir täglich mit hochsensiblen unternehmens- und personenbezogenen Daten, wir wissen wie damit umzugehen ist. Ausgewählten interdisziplinären Forschungsgruppen muss in Krisenzeiten pragmatisch und rasch Zugang zu den notwendigen Informationen gegeben werden. Dieses Vertrauen muss die Gesellschaft und Politik ihren wissenschaftlichen Vertreter*innen entgegenbringen, damit wir in zukünftigen Krisen nicht wieder viel Zeit in unnötige Schätzungen und Teilerhebungen investieren müssen. Die nächste Chance dies besser zu machen, steht bereits vor der Tür – die Energieversorgungskrise.

Welche Lehren sollte Ihrer Meinung nach die Wissenschaft in der Politikberatung aus der Pandemie ziehen und wie wird sich Ihre eigene Tätigkeit in Zukunft ändern?
In der Betriebswirtschaft ist seit Jahrzehnten bekannt, dass es eine gemeinsame und von allen akzeptierte Entscheidungsgrundlage („single source of truth“) geben muss. Wir brauchen für Krisenzeiten eine akzeptierte und unabhängige Wissenschaftskommunikationsplattform, welche die faktenbasierte Entscheidung unterstützt. Auf dieser Wissenschaftsplattform werden die zugrundeliegenden Parameter in leicht verständlicher Sprache aufbereitet und der Politik, den Medien, aber vor allem interessierten BürgerInnen zur Verfügung gestellt. VertreterInnen der Politik sollten dann ihre Entscheidungen basierend auf diesen Grundlagen treffen. Solange Medien „clickgetrieben“ sind und PolitikerInnen teilweise noch in erster Linie in Wahlzyklen denken, ein wohl sehr ambitioniertes Unterfangen.

Prof.(FH) DI Dr. Markus Gerschberger leitet den Forschungsbereich SCM an der Fachhochschule Oberösterreich, sowie das Josef Ressel Zentrum für Echtzeitvisualisierung von Wertschöpfungsnetzwerken und ist Fakultätsmitglied am Georgia Institute of Technology.
Weitere Informationen zum JR-Zentrum für Echtzeitvisualisierung von Wertschöpfungsnetzwerken

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